Sonntag, 28. August 2016

Sie sitzen im Käfig und fletschen die Zähne

„Hallo, ihr drei“, grüße ich, als ich nach Hause komme, meinen Rucksack neben das Fahrrad stelle und zu den Tieren in den Käfig schaue, wo ich Hinz die Zähne fletschen sehe. „Warum so aggressiv?“, frage ich. „Kämpferisch“, korrigiert er mich. „Okay“, rudere ich zurück, „warum so kämpferisch?“ „Weil die politische Lage es erfordert“, antwortet er. „Halleluja“, rufe ich aus, „was ist denn in Euch gefahren?!“ Knut kann sich ein Grinsen nicht verkneifen und doziert: „Nichts ist in uns gefahren, vielmehr uns etwas untergeschoben worden.“ „Hä?“, lautet meine verdutzte Reaktion. „Du hast die Etagenbretter in unserem Käfig mit >>Junge Welt<< ausgelegt“, erklärt Kunz. „Ach so. Ja.“ Bei mir fällt der Groschen. (Oder muss es heißen: die 10-Cent-Münze? Wie viele Cent entsprechen noch dem früheren Groschen? Aber das ist ein anderes Thema.) „Ihr habt also Zeitung gelesen.“ „Na klar“, schallt es aus drei Mäulchen bzw. Schnäuzchen gleichzeitig. Dann beginnt Hinz aufzuzählen: „Wir sind gegen die Verdrängung der Einkommensschwachen aus den Städten und gegen die Stigmatisierung Geflüchteter als Sündenböcke, grundsätzlich gegen jedwede Ausgrenzung ohnehin schon Benachteiligter, gegen Polizeiwillkür im Innern und gegen das weltweite Geschäft mit dem Krieg, wir sind gegen Nazis, gegen den Handel mit vergifteten Lebensmitteln und gegen Umweltzerstörung, gegen den Missbrauch von Steuergeldern und für bedingungsloses Grundeinkommen...“ Da er sich sehr in Rage zu reden beginnt, versuche ich, ihn zu stoppen, das jedoch gelingt mir nicht. Er bringt sein Statement noch zu Ende, und zwar mit den Worten: „Rot ist mehr als eine Farbe. Rot heißt Farbe-Bekennen und Farbe-Bekennen meint Zähne-Zeigen.“ „Wow!“, staune ich. „Die Redaktion von >>Junge Welt<< hätte ihre wahre Freude an dir.“ „Stellen die Ratten ein?“, erkundigt sich Knut. „Ich fürchte, nein“, sage ich. „Intolerante Bande!", knurrt er. „Das sollten die aber!“

Hinz zeigt Zähne

Freitag, 26. August 2016

Samstag, 30. Juli 2016

Bewerbung um einen Arbeitsplatz (herum)

„Mensch, geh doch mal ein Stück beiseite“, schimpfe ich mit Hinz, während ich seine Pfötchen von der Tastatur schiebe. „Ich bin kein Mensch“, schnieft er gekränkt. „Entschuldige, liebe Ratte“, bitte ich ihn. Er nimmt die Entschuldigung an und fragt: „Warum guckst denn du so verzweifelt?“ „Ich gucke verzweifelt?“, zweifele ich. „Ich fühle mich eher ratlos.“ „Du guckst irgendwie gerade verzweifelt und ratlos“, konstatiert Kunz, der sich zu uns gesellt. Ich raufe mir die Haare und erläutere: „Eine Freundin von mir geriet in Bedrängnis. Sie ist seit kurzem arbeitslos und wurde nun von ihrer Arbeitsvermittlerin dazu angehalten, sich als Arbeitsvermittlerin zu bewerben. Es werden welche gesucht.“ „Das will sie hoffentlich nicht tun?!“, rufen Hinz und Kunz entsetzt wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen. „Richtig“, seufze ich, „das will sie nicht tun.“ „Und wo ist das Problem?“, erkundigt sich Hinz. „Sie weiß nicht, wie sie sich geschickt herauswinden kann, denn über die fachliche Eignung verfügt sie“, sage ich. „Sie muss nur bei der Bewerbung alles falsch machen“, schlägt Hinz vor. „Die Fehler wird ihr niemand glauben“, gebe ich zu Bedenken, „denn sie ist Akademikerin und Literatin.“ „Hm“, brummt Kunz. „Dann rate ihr, sich richtig zu bewerben, aber eben ganz besonders richtig.“ „Du meinst?“, hake ich nach. „Na korrektes Anschreiben, Lebenslauf, Zusammenstellung von Zeugnissen bzw. Zertifikaten und als zusätzliches Schmankerl... die so genannte Dritte Seite, ein Motivationsschreiben“, führt er aus. Ich verdrehe die Augen und weise darauf hin, dass sie doch aber unmotiviert sei. „Nun ja“, präzisiert Kunz, „so darf sie das freilich nicht formulieren. Sie muss schreiben, dass sie selbstverständlich niemals jemandem vorschlägt, sich auf eine Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung einzulassen, wenn diese der Eingliederung in den Arbeitsmarkt nicht dienlich ist, dass sie niemals Schülerinnen und Schüler, auch wenn die älter als 15 Jahre sind, Eingliederungsvereinbarungen unterschreiben lässt, dass sie jederzeit Verständnis dafür aufbringt, wenn psychisch kranke Langzeitarbeitslose sich zu Terminen verspäten oder sie gänzlich versäumen, und nicht zuletzt ihr großes Vorbild in Inge Hannemann sieht, also grundsätzlich niemandem das Existenzminimum streitig macht.“ Hinz klatscht daraufhin begeistert in seine Vorderpfötchen und ich nicke hochachtungsvoll. „Genau das werde ich meiner Freundin empfehlen“, stimme ich Kunz zu und beginne mit dem Tippen der E-Mail.

Dienstag, 26. Juli 2016

Samstag, 16. Juli 2016

Der Schlaf des Erschöpften

„Na“, frage ich Kunz, der nach mehrtägigem Ausflug durch die Wohnung inklusive Parcour zwischen aufgereihten und gestapelten Büchern, Stangenklettern am Besenstiel, Springen über Tisch und Stuhl, Hangeln an der Wäscheleine sowie Schaukeln an der Gardine zurück im Käfig ist, „wie geht’s?“ Er antwortet nicht. Schläft.