Dienstag, 28. Januar 2014

Küchenstuhl


„Oh, Max“, schimpfe ich liebevoll, als ich ihn mit geschlossenen Augen auf dem Küchentisch sitzen, sich putzen und gleichzeitig hinten etwas fallen lassen sehe. „An deiner Stelle würde ich auch die Augen zumachen. Was du gerade veranstaltest, will keiner sehen. Muss das sein?! Auf die Welt scheißen wäre ja okay, aber doch bitte nicht auf den Tisch!“ Max horcht auf und schaut mich seitlich aus nun geöffneten Augen an – durchaus interessiert und als ginge ihm durch den Kopf: „Ist der Tisch nicht Teil der Welt?“


Rabatz, ganz der besorgte Vater, kommt natürlich sofort gucken und auch Ratz, der seine Aversion gegen die Kinder endlich überwunden hat, gesellt sich zu uns. Ich schaufle Max' Hinterlassenschaften auf die Müllschippe und trage sie zur Toilette, Rabatz läuft mir hinterher, hüpft auf die Waschmaschine und versucht, von dort zum Desinfektions-Spray ins Reinigungsmittelfach zu gelangen, was ihm allerdings sprungtechnisch misslingt. „Mist!“, flucht er. „Im wahrsten Sinne des Wortes Scheiße“, sage ich. „Stuhl“, korrigiert er mich. „So heißt das nur bei Menschen“, werfe ich ein. „Ich will, dass das bei Ratten auch so heißt“, ruft Ratz kichernd von der Küche aus und liefert als Erklärung: „Stuhl auf dem Küchentisch! Küchenstuhl!“ „Sehr gut“, lobe ich meinen gelehrigen Wortspiel-Schüler, beeile mich, die Küche - sie reinigend - wieder in einen Essplatz zu verwandeln, und füge dann einschränkend hinzu: „Allerdings ist es keiner, auf den ich mich setzen wollen würde, wenn es jetzt gleich für fünf Ratten und einen Menschen Abendessen gibt.“ „Was denn?“, fragt Ratz. „Tiefkühl-Buttergemüse“, antworte ich. „Taust du das vorher noch auf und machst es warm?“, bittet er provozierend. „Nein“, kontere ich, „das erledigt die Mikrowelle.“ Rabatz verzieht genervt sein Gesicht und hoppelt ins Zimmer mit den Worten:  „Ich hole Dachs und Moritz, die sitzen nämlich noch im Käfig.“

Sonntag, 26. Januar 2014

Knusper, knusper, knäuschen am überwachten Häuschen

„Na“, necke ich Ratz, als ich ihn vor dem nachweihnachtlich preisreduziert verkauften Schokoladen-Hexenhäuschen sitzen sehe, „traust dich wohl nicht abzubeißen? Befürchtest, die garstige Hexe kommt heraus, sperrt dich ein und mästet dich, bis du recht fett geworden bist, um dich dann zu braten und zu fressen?“


„Pah“, antwortet er barsch, „erstens glaube ich nicht an Märchen, zweitens bin ich nicht Hänsel und der Hexe längst zu alt, drittens fehlt dem Häuschen eine Seite vom Dach, so dass ich oben hineinschauen und sehen kann, dass die Hexe nicht zu Hause ist.“ „Tja“, sage ich, „das hast du den drei kleinen Ratten, die das Dach heruntergerissen, sowie Rabatz und mir, die es gegessen haben, zu verdanken. Nun können wir das Hexenhäuschen total überwachen, obwohl die Alte nicht einmal Computer oder gar Internetzugang hat.“ „Hat sie nicht?“, fragt er zerstreut. „Nö“, erwidere ich. „Guck doch rein und überzeuge dich. Wie sollte sie auch?!“ Ratz wirft einen erneuten Blick ins Hexenhäuschen und beginnt kurz darauf zu knuspern.

Montag, 20. Januar 2014

Grummeliger Opa Ratz

„Was soll das hier?“, grummelt Ratz griesgrämig halb an mich gewandt, halb zu sich selbst in seine Schnurrhaare, während ich lese und er in meinem Schoß hockt. „Was genau meinst du?“, erkundige ich mich, wobei ich meine Lektüre unterbreche. „Nicht was, sondern wen“, korrigiert er mich. Ich stutze kurz und frage dann: „Also gut: Wen genau meinst du?“ „Na, diese Kinder von Rabatz“, stöhnt er. „Oho“, sage ich, „da hast aber du falsch gefragt, mein Lieber! Statt was das hier soll, hättest du formulieren müssen, was die hier sollen.“ „Arrgh“, donnert er, „nach Deutschunterricht ist mir gerade überhaupt nicht zumute.“ „Du hast doch damit angefangen“, erinnere ich ihn. „Ja“, gibt er zu, „aber nun ist es genug.“ Er kehrt zurück zum Ausgangspunkt: „Was soll das hier mit diesen Kindern?“ „Hm, eine Ratten-WG“, schlage ich vor. „Eine 5er-WG will ich nicht“, protestiert er. „Was willst du denn?“, heuchle ich wohl wissend, was er will, Besorgnis und streiche sein struppiges Fell glatt. „Na, was wohl!“, piepst er erbost. „Alles wie früher! Eine 2er-WG mit Rabatz.“ „Nee, nee, nee“, erwidere ich, „das war so ausgemacht, dass die Söhne von Dumbi und Rabatz, sobald sie nicht mehr von Dumbi gesäugt werden, und auf jeden Fall, bevor sie zeugungsfähig sind, zu uns ziehen und die Tochter bei Dumbi bleibt.“ „Mit mir war das nicht ausgemacht“, klagt er. „Lieblings-Ratz, so ist es jetzt schlicht und ergreifend“, bestimme ich. „Und bis du dich gewöhnt hast, nehme ich dich so oft, wie ich Zeit habe, auf den Arm und kuschle nur mit dir ohne die Rabatz-Bande.“ „Sicher?“, vergewissert er sich. „Ja“, verspreche ich. Fast scheint er sich zu beruhigen, als plötzlich ein Ruck ihn durchzuckt. „Aber sieh doch nur!“, kreischt er und zeigt auf den großen Käfig. „Rabatz liegt genüsslich ausgestreckt da und die drei Kleinen turnen auf ihm herum!“ „Wo ist das Problem?“, gebe ich mich arglos. „Ich habe Dachs, Max und Moritz zu ihrem Vater in den großen Käfig gesetzt und jetzt spielen und toben die übermütig. Sie mögen sich.“ „Und ich? Was wird aus mir?“, jammert er. „Denk selber nach!“, fordere ich ihn auf. „Unterbreite einen für dich annehmbaren Vorschlag!“ Ratz schaut sich im Zimmer um, springt von meinem Schoß, spaziert schnurstracks in Richtung Sessel, springt darauf, von dort auf den Tisch und weiter in den geöffneten kleinen separaten Käfig, der auf ihm bereitsteht, landet direkt in leckerem Rattenfutter und vorübergehend scheint die Welt in Ordnung.

Sonntag, 19. Januar 2014

kRATZiger RATZ

RATZ ist von den drei neuen Mietern, um es vorsichtig zu formulieren, wenig begeistert, was man u.a. an seinem Fell sieht: Es steht - Übereinstimmung von Inhalt und Form - borstig von seinem Körper ab.


Da diesem Blog kein Kinder-und-Jugendschutz-Sicherheitsfilter vorgeschaltet und es somit Menschen jeden Alters frei zugänglich ist, mussten der grimmige Gesichtsausdruck inklusive gefletschter Nagezähne und die gewaltbereiten Vorderpfoten des Tieres vor der Veröffentlichung aus dem Bild geschnitten werden. (Zur Beruhigung: RATZ wohnt noch nicht im selben Käfig wie die Kleinen.)

Stillhalte-Abkommen mit Dachs

Heute ist Dachs zum Stillhalten bereit, denn er bekommt je 1/5 Minute Stillhalten 4 mm³ Walnuss.


24 sec Zeit + 8 mm³ Nuss = 1 brauchbares Porträt

Samstag, 18. Januar 2014

Hurra, hurra! Die Kleinen sind da!

Dachs, Max und Moritz sind zu Papa Rabatz (und damit auch zu Ratz und mir) gezogen:


Dachs ist mir zu zappelig zum Photographieren, Max und Moritz schauen sehr entspannt in die Kamera. Kein Blitzlicht kann sie schrecken.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Es geht um die Wurst

„Na, ihr zwei“, frage ich, als ich nach Hause komme, meinen Rucksack neben das Fahrrad stelle und ihren Käfig öffne, „wollt ihr wissen, was ich euch mitgebracht habe?“ „Du hast uns etwas mitgebracht?“, kommt Rabatz freudig angesprungen. „Ja“, erwidere ich. „Was denn?“, erkundigen sich beide wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen. „Wurst“, sage ich. Rabatz starrt mich daraufhin völlig entgeistert an und Ratz, der offenbar gerade hatte zum Sprechen ansetzen wollen, vergisst vor lauter Verblüffung nicht nur augenblicklich seinen Redebeitrag, sondern auch den bereits herunterhängenden Unterkiefer wieder hochzuklappen, und sieht recht lustig aus. Sie finden ihre Sprache jedoch nach einer knappen Minute wieder und Ratz ergreift als erster das Wort: „Du bist doch Vegetarierin. Du kaufst Wurst?“ „Nun ja“, räume ich ein, „ich habe Maja erzählt, dass ich euch abgesehen von dem Nager-Trockenfutter, das ich im Futterhaus kaufe, im Großen und Ganzen dasselbe zu essen gebe, was auch ich esse. Sie hält das für Mangelernährung und behauptet, dass Ratten naturgemäß keine Vegetarier sind und Fleisch bekommen müssen. Ich bin zwar im Augenblick noch anderer Ansicht, aber vielleicht überzeugt ihr mich ja von Majas Meinung. Lasst es uns ausprobieren und euch schmecken.“ Mit diesen Worten ziehe ich den Deckel von einem Portionsdöschen Schinken-Zwiebel-Mettwurst etwas auf, stelle es den Tieren hin und beobachte, was passiert:

Wenn zwei sich mögen...

...ist in der kleinsten Zwiebackschachtel Platz,



vorausgesetzt, man nimmt die Zwiebäcke vorher heraus.

Mittwoch, 15. Januar 2014

Rattenkinder, Menschenkinder

„Na endlich!“, bringen Ratz und Rabatz ihre Unzufriedenheit mit meiner – ihrer Meinung nach offensichtlich zu langen - häuslichen Abwesenheit zum Ausdruck, als ich komme, meinen Rucksack neben das Fahrrad stelle und ihren Käfig öffne. „Was heißt hier >>na endlich<<?“, frage ich und schiebe sogleich als Rechtfertigung hinterher: „Es ist kurz vor 20:00 Uhr, das ist doch meine übliche Nach-Hause-komm-Zeit.“ „Üblich, wenn du von der Arbeit kommst“, nörgelt Ratz. „Aber jetzt bist du krank und solltest eigentlich jammernd, schniefend und hustend im Bett liegen. Stattdessen? Heute Vormittag warst du nun schon unterwegs…“ „Na sag mal…“, weise ich ihn zurecht. „Erstens gibt es, wie du sehr gut weißt, auch Krankheiten, die man nicht im Bett auskuriert. Zweitens bin ich euch nicht Rechenschaft schuldig.“ „Doch“, nimmt Rabatz seinen Kumpel in Schutz, „so ein bisschen schon.“ Mir verschlägt’s fast die Sprache, aber eben nur fast, also erkläre ich: „Heute Vormittag war ich mit meiner einzigen Lieblingstochter ihr verspätetes Weihnachtsgeschenk kaufen, heute Nachmittag habe ich Dumbi und die vier Kinder von ihr und Rabatz beim Aufschreiber und Maja besucht, am Abend noch etwas für mich gekauft und nun bin ich wieder zu Hause.“ „Du hast etwas für dich gekauft? Und für uns?“, quengelt Ratz. „Für euch nichts“, sage ich. „Ihr habt alles, was Ratten brauchen.“ „Ich habe mich wohl verhört!“, empört sich Ratz. „Ich weiß nicht, ob du dich verhört hast. Was hast du denn gehört?“, erkundige ich mich. „Dass wir alles haben, was Ratten brauchen“, plärrt er. „Also hast du dich nicht verhört“, gebe ich ihm zu verstehen. „Das habe ich wirklich gesagt.“ „Unverschämtheit!“, schimpft er. „Wieso?“, entgegnet Rabatz ganz gelassen. „Ist doch keine Unverschämtheit. Stimmt. Wir haben alles. Oder fehlt etwas?“ Ratz läuft aufgebracht um den Käfig und sucht ganz offensichtlich nach Fehlendem, findet aber nichts, springt in den Käfig, stapft dort noch ein paar Mal auf und ab, bevor er sich schmollend in eine Ecke verzieht und vor sich hin säuselt: „Leckeres Futter fehlt.“ Rabatz nähert sich ihm behutsam, schiebt von dem Getreide-Frucht-Nuss-Müsli der letzten Fütterung, das noch nicht vollständig verzehrt ist, etwas zu ihm hin und flüstert in sein Ohr: „Ist doch lecker.“ „Grmpf“, ist das einzige, was Ratz dazu äußert. Rabatz lässt von Ratz ab, springt zu mir und fragt hyperneugierig: „Was hast du dir gekauft?“ „Schuhe“, antworte ich. „Und deiner einzigen Lieblingstochter?“, wirft er sogleich die nächste Frage hinterher. „Auch Schuhe“, will ich seine Neugier befriedigen, er indes runzelt die Stirn. „Warum ziehst du, um zwei Paar Schuhe zu kaufen, zweimal los, vormittags für deine einzige Lieblingstochter und abends für dich?“, will er wissen. „Kann man nicht zwei Paar Schuhe zusammen kaufen?“ „Tja, das sind so Probleme, die Ratten nicht kennen, die Menschen sich selbst schaffen“, erläutere ich. „In dem Laden, in dem ich die Schuhe für meine einzige Lieblingstochter gekauft habe, gab es die Schuhe, die mir gefallen haben, nicht in meiner Größe. Zum Glück! In dem Laden, in dem ich dann abends Schuhe für mich gekauft habe, wenngleich nicht ganz so gute, habe ich nämlich 2/3 weniger bezahlt.“ „Na, das ist ja wenigstens etwas erfreulich“, grummelt Ratz aus dem Käfig, „obwohl du natürlich eigentlich keine neuen Schuhe brauchst.“ „Doch“, brumme ich zurück, „denn ab morgen wird es laut Wetterbericht nieseln und schneien und meine alten Schuhe sind dahingehend alt, dass sie nicht mehr wasserundurchlässig sind. Außerdem bin ich dessen überdrüssig, mich für jeden Einkauf, so es sich dabei nicht um Rattenfutter handelt, quasi bei dir entschuldigen zu müssen.“ „Und 2/3 weniger Geld“, ergreift Rabatz Partei für mich, „sind sehr lobenswert, denn dann hat Miri noch Geld übrig für ihren einzigen Lieblingssohn. Der soll schließlich auch bedacht werden.“ Ich bin tief berührt. „Da hast du auf jeden Fall recht, Rabatz“, stimme ich mit ihm überein, füge jedoch seufzend hinzu: „Es ist ziemlich schwierig, einem Menschen etwas zu schenken, der sich allermeistens fernab von einem selbst aufhält und keine Postadresse hat, an die sich etwas schicken ließe…“ Betretenes Schweigen beherrscht die Runde, jedoch nur kurz. Ratz springt aus dem Käfig zu Rabatz und mit ihm zusammen in meinen Schoß. Wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen trösten sie: „Er ist fern von dir, aber erstens nur physisch und zweitens nicht immer, sondern lediglich meistens.“ Und Rabatz piepst: „Geht es meinen Kindern eigentlich gut? Du warst doch heute bei ihnen.“ „Ja“, beruhige ich ihn, „sehr gut. Sie sind bestens versorgt und putzmunter.“

Des einen Müdigkeit ist des anderen Vorrat an Futter

Soo müüde!

Soo gewieft!

O-Ton Ratz: "Solange der Dicke schläft, lassen sich ganz ungestört Leckerbissen beiseite schaffen."

Montag, 13. Januar 2014

Sehnsucht

„Schau mal“, rufe ich Rabatz zu, „wie Maja dich vor ziemlich genau einem Jahr photographiert hat!“

Rabatz in Majas Schatzkistchen - Januar 2013

Er kommt, verharrt einen Moment lang beeindruckt in körperlicher Reglosigkeit und kommentiert sogleich: „Oh, in diese kleine Kiste habe ich hineingepasst? Bin ich aber gewachsen!“ „Ja“, sage ich, zeige ihm ein Photo, das Maja vor drei Tagen aufgenommen hat, und erläutere: „Moritz hat jetzt deinen Platz eingenommen.“ 

Moritz in Majas Schatzkistchen - Januar 2014

Es folgen zunächst andächtiges Schweigen und dann ein leises Schniefen: „Die anderen Kinder will ich aber auch sehen.“ „Darfst du auf jeden Fall“, verspreche ich ihm. „Dachs und Max ziehen zusammen mit Moritz nächsten Samstag bei uns ein und deine Tochter Pandi und du, ihr besucht euch... Nur körperlichen Kontakt dürft ihr nicht haben, denn...“ „Ich weiß schon“, fällt Rabatz mir ins Wort. „Wir werden sonst zu schnell zu viele.“ Er schmiegt seufzend seinen Kopf an mich.  

Geschmackvolles Haus

„Was machst du da?“, fragen mich Ratz und Rabatz wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen. „Na, erkennt ihr das nicht?“, reagiere ich mit einer Gegenfrage, die ich sogleich selbst beantworte: „Ich baue ein Häuschen für die drei Söhne von Rabatz.“ „Die müssen in ein separates Haus?! Sie ziehen nicht zu Ratz und mir in den Käfig?!“, schreit das blanke Entsetzen aus Rabatz. „Doch, doch“, besänftige ich ihn. „Es wird, wie ich eben sagte, ein Häuschen, >>kein großes Haus, doch auch kein Zelt, ein Häuschen<< (S. Marschak). Es passt in den Käfig hinein und die drei Kleinen können sich, solange sie klein sind, in ihm zum Schlafen und Kuscheln zurückziehen. Schau doch mal!“

Häuschen für Rättchen

„Oh, ist das niedlich!“, ruft Rabatz. „Ja, das ist süß!“, stimmt Ratz ihm zu. „Im wahrsten Sinne des Wortes“, sage ich schmunzelnd. „Es ist nämlich aus Schokolade. Schließlich sollen die Kleinen es hier nicht schlechter haben als bei Maja und Dumbi.“ „Zum Fressen gern haben werden sie es“, vermutet Ratz und fügt ehrlich-begehrlich hinzu: „Hoffentlich laden sie uns ein.“

Sonntag, 12. Januar 2014

Redensart = art of speaking?

„Na, Ratz“, frage ich, als ich ihn vor einer halben Kartoffel sitzend an seiner linken Hinterpfote lutschen sehe, „leckst du dir alle zehn Finger nach der Kartoffel?“


 „Nach der Kartoffel ist ungenau formuliert und von zehn Fingern kann ebenfalls keine Rede sein“, grummelt Ratz. „Ich lecke an fünf Zehen einer meiner Hinterpfoten, und zwar nach einer halben Kartoffel, denn die andere Hälfte liegt, wie du wohl siehst, noch da.“ „Ach, stimmt“, erinnere ich mich, „bei dir muss man ja immer sehr genau auf seine Worte achten.“ „Bei dir doch auch“, bemerkt Rabatz schnippisch. „Grr“, sage ich, schneide dazu eine Grimasse, die deutlich machen soll, dass ich von seiner Kritik an meiner Person sehr wohl berührt, aber nicht verletzt bin, und wende mich dann an beide Tiere: „Nicht wissend, dass Ratz die Hälfte der Kartoffel bereits verzehrt hat, sondern ihn lediglich vor einem Stück Kartoffel und mit einer Pfote in seinem Mäulchen bzw. Schnäuzchen vorfindend, nahm ich an, er habe vor, Kartoffel zu essen und großen Appetit darauf, so dass ich mich der Redensart ‚sich nach etwas alle zehn Finger ablecken‘ bediente, die eben genau das bedeutet, nämlich Lust auf Gaumenfreude. Entschuldigt bitte, ich habe die Situation falsch eingeschätzt.“ „Diese Redensarten immer!“, schimpft Ratz. „Typisch Menschen! Sagen das eine und meinen das andere!“ „Redensarten sind schön“, widerspreche ich ihm. „Man versteht sie, wenn man sich ihres Ursprunges besinnt und berücksichtigt, dass sie im Laufe der Jahrhunderte Bedeutungswandel erfahren haben.“ „Aha. Und was bedeutete dieses Finger-Ablecken ursprünglich mal?“, erkundigt sich Ratz. „Genau das, was du gemacht hast“, antworte ich. „Sich nach dem Essen – im Mittelalter benutzten die Menschen weder Messer noch Gabeln, lediglich für Suppen, so sie die nicht aus ihren Schüsseln schlürften, Löffel – die Finger sauber lecken.“ „Löffel, Löffel, Löffel…“, sinniert Rabatz, „gibt es damit nicht auch so eine Redensart?“ „Du meinst ‚den Löffel abgeben‘?“, errate ich. „Ja, ja, genau! Was bedeutet das?“, will er wissen. „Schau selbst nach!“, fordere ich ihn auf und zeige auf das fünfbändige Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten im Regal. „Ich habe euch doch nicht ohne Grund zu Leseratten erzogen.“

Samstag, 11. Januar 2014

Sinnvoller Spieleabend

„Wenn du nun schon krankgeschrieben bist, kannst du eigentlich auch etwas Sinnvolles machen, oder?“, provoziert mich Ratz. „Ich mache etwas Sinnvolles“, erwidere ich. „So?“, fragt er. „Ja“, antworte ich, „ich ruhe mich aus.“ „Wolltest du nicht schon seit langer Zeit das Bad renovieren?“, reizt er mich weiter. „Ja“, stimme ich scheinbar zu, „ich wollte. Deine Formulierung ist außerordentlich richtig. Wenn du mir regelmäßig zuhören würdest…“ „Was heißt hier regelmäßig zuhören?“, unterbricht er mich. „Na immer dann, wenn ich etwas sage...“, erkläre ich und nehme den vorherigen Satz wieder auf: „Also wenn du mir regelmäßig zuhören würdest, wüsstest du, dass ich inzwischen beabsichtige, mit dem Renovieren zu warten, bis die jetzigen Tapeten von selbst abfallen, denn das minimiert den Arbeitsaufwand erheblich.“ „Na, das kann ja dauern!“, stöhnt er. „Ach“, werfe ich ein, „so lange dauert das nicht mehr.“ „Aber du musst doch mit der freien Zeit, die du plötzlich hast, irgendetwas Sinnvolles anfangen“, bringt sich nun auch Rabatz ins Gespräch ein. „Also“, sage ich, „erstens muss ich das nicht und zweitens, wie ich schon feststellte, ist Ausruhen sinnvoll. Die Ärztin hat mir viel Schlaf, viel Flüssigkeit, viele Vitamine und Spaziergänge verordnet.“ „Und warum sitzt du im Zimmer und gehst nicht spazieren?“, nerven nun beide wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen. „Weil es regnet“, bedeute ich ihnen übellaunig, zeige durchs Fenster nach draußen und beginne nun meinerseits schneller, als sie antworten können, Fragen an sie zu richten: „Wollt ihr mich loswerden? Ist euch langweilig? Sind euch zwei Dutzend Läuse über die Lebern gelaufen? Was ist das hier eigentlich für ein Fragen-Antworten-Spiel?“ „Uns ist langweilig und wir sind genau wie du gerade übellaunig“, gestehen beide synchron. „Dann lasst uns doch sinnvollerweise zusammen etwas Lustiges spielen“, schlage ich vor. „Hurra!“, rufen zwei Ratten gleichzeitig aus. Jedoch gibt Ratz umgehend zu bedenken: „Hat deine Ärztin dir aber nicht verordnet.“ „Nein, hat sie nicht“, räume ich ein, „aber sie konnte auf keinen Fall alles aufzählen, was mir guttun könnte, denn im Wartezimmer saßen schließlich noch mehr Patienten… Was wollt ihr spielen? Nuss-Käse-Labyrinth?“ Ratz und Rabatz nicken zustimmend.

Dachs, Max und Moritz

„Na“, fragt mich Rabatz, als ich vom Besuch bei seiner von ihm getrennt lebenden Familie nach Hause komme, meinen Rucksack neben das Fahrrad stelle und den Käfig öffne, „hast du meine Grüße ausgerichtet? Geht es Frau und Kindern gut?“ „Oh“, reagiere ich erschrocken, „das Grüßen habe ich vergessen. Aber es geht allen gut. Sehr gut. Die Kleinen trinken noch bei der Mutter, fressen aber auch schon alleine und wenn sie nicht gerade schlafen, toben sie wild herum. Kommenden Samstag hole ich Dachs, Max und Moritz zu uns.“ „Wen?“, erkundigen sich Ratz und Rabatz aufhorchend und wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen. „Dachs, Max und Moritz“, sage ich und versuche dabei einen Tonfall der Selbstverständlichkeit in meine Stimme zu bringen. „Wenn Vater Rabatz nichts dagegen hat, heißen die drei Jungs seiner vier Kinder so. Zwei von ihnen haben nämlich weiße Blessen an ihren Köpfen und sind daher äußerlich mit Dachsen vergleichbar. Da wir nicht beide Dachs nennen können, denn das führte zu Verwechslungen, schlage ich vor, der braune mit Blesse heißt Dachs und der graue mit Blesse klangähnlich Max. Max wiederum lässt kaum eine andere Assoziation als Moritz zu, jedenfalls bei allen, die Wilhelm Busch kennen. Daher möchte ich den dritten im Bunde – einfarbig grau wie sein Vater, wenngleich grau bei Rattenfachleuten aus mir unbekanntem Grunde blau heißt – Moritz nennen. Ich hoffe, Rabatz ist mit diesen Namen einverstanden.“ Rabatz schweigt, wiegt bedächtig seinen Kopf, schaut Rat suchend zu Ratz, der jedoch entgegen sonstiger Gewohnheit ebenfalls still ist… Also liefere ich nach mehreren Minuten allseitigen Schweigens eine Entscheidungshilfe: „Das Mädchen, das bei Mutter Dumbi bleiben wird, heißt übrigens Pandi, weil es ein Fell hat, dessen Färbung dem eines Pandabären gleicht.“ „Hm“, grummelt Ratz nun leise vor sich hin, „der Dachs tut mir etwas leid. Wer will schon einen Namen, der wie Deutscher Aktienindex klingt?“ Dann jedoch nickt er Rabatz aufmunternd zu, einen Augenblick später Rabatz zustimmend mir und die Namen sind beschlossene Sache: Rabatz‘ und Dumbis Söhne heißen Dachs, Max und Moritz.

Freitag, 10. Januar 2014

Ruhe

„Wieso sitzt du mitten am Tag im Sessel und liest?“, fragt mich Ratz. „Musst du nicht zur Arbeit?“ „Nö“, antworte ich. „Hast du Urlaub?“ „Nö.“ „Bist du krank?“ „Ja.“ „Sehr?“ „Nö.“ „Also nur krankgeschrieben?“ „Nö.“ „Gesprächig bist du heute nicht.“ „Stimmt.“ „Sondern?“ „Ungesprächig.“