Freitag, 16. Dezember 2016

Mund aufmachen und Zähne zeigen

Hinz und Kunz sind KUHLE KÄMPFER*.
Der eine macht den Mund auf.

Kunz

Der andere - wie kürzlich gepostet - zeigt Zähne.

*Die Eindeutschung des Wortes cool erfolgte zugunsten der Alliteration mit K.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Kürbissuppe oder auch Leuchtmittel für lebende Antidepressiva

„Na, schmeckt sie, die Suppe?“, erkundige ich mich. Was folgt, ist annähernd so etwas wie Stille, lediglich ein sehr, sehr leises Schlürfen ist zu hören. Diese renitenten Tiere antworten einfach nicht! Na ja, war auch wirklich eine bescheuerte Smalltalk-Frage. Schließlich sehe ich, dass es ihnen schmeckt. Würden sie ihre Mäulchen bzw. Schnäuzchen sonst bis auf den Boden ihres Schälchens in die Plürre stecken und diese quasi einatmen? Wohl kaum. Doch dann sagt Knut plötzlich und unerwartet: „Nein.“ „Wie jetzt? Was heißt hier nein?“, entfährt es mir. „Na nein“, erklärt er, „die Suppe schmeckt nicht, jedenfalls nicht besonders gut.“ „Du hast sie doch gerade genussvoll aufgesogen“, halte ich dagegen. „Irgendetwas muss man schließlich essen“, mischt sich Kunz in den Disput. „Sie schmeckt wunderbar orange“, lautet indes Hinz' Urteil. „Da hast du allerdings recht“, stimmen Kunz und Knut zu, „sie leuchtet phantastisch.“ „Leuchtende Farben sind gut gegen Winterdepression“, doziere ich. „Ja“, greift Knut meinen Gedanken leicht spöttisch auf, „und da wir die Farbe getrunken haben, leuchten wir nun gewissermaßen von innen, also aus uns heraus.“ Ich beginne prustend zu lachen und kraule ihm, da er gerade in Reichweite sitzt, das Nackenfell. „Ihr seid großartige Antidepressiva, schon immer und sowieso“, gestehe ich meinen Tieren, „und wenn ihr fortan obendrein leuchtet... Grandios!“ Daraufhin nähern sich auch Hinz und Kunz meiner Hand. Und wollen gekrault werden? Oder doch eher nicht? Ja, eher nicht. Sie schnuppern nur kurz und huschen sogleich wieder in die hinterste Ecke des Käfigs. Sie sind halt wie alle Ratten artig, wenngleich etwas eigenartig.

Knut

Hinz
Kunz




Photoshooting


Miriam (zu Hinz und Kunz, die ihr ihre Hinterteile entgegenstrecken): "Hey, ihr zwei! Dreht euch mal um! Ich will Euch von vorn photographieren."


Hinz und Kunz (sich um 180° drehend und wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen): "So?"
Miriam: "Ja, sehr gut."
Knut: "Ich will auch rauf!"
Miriam: "Na los! Geh hin! Positioniere dich!"
Knut (Kunz beiseite schubsend und sich neben Hinz legend): Uff!
Kunz: (indem er sich - an seinen vorherigen Platz drängend - auf Knut legt): Grr!


Miriam (zu Knut): "Wenn du rauf wolltest, warum schiebst du dich dann drunter?"

Keine Antwort. Schweigen im Walde bzw. im Käfig.

Samstag, 19. November 2016

Katzengras für Ratten - Kunz und das Frischfutter

Eine Bildergeschichte


1. Man hockt im Versteck und erschnuppert Vielversprechendes.


2. Man lugt um die Ecke und findet Wohlschmeckendes.


3. Man zieht sich zum ungestörten Knuspern wieder ins Versteck zurück.


4. Man lugt erneut hervor und findet


5. Gefallen an der Erde.


6. Man buddelt.


7. Man buddelt zunehmend intensiv und sorgt


8. für einen Saustall bzw. -käfig.


Montag, 3. Oktober 2016

Den "Tag der Deutschen Einheit" verschlafen

„Sag mal“, fragt mich Hinz, „hast du eine Ahnung, wo mein Bruder steckt?“ „Ich habe nicht nur eine Ahnung“, antworte ich, „sondern Gewissheit“ und zeige nach schräg oben ins Bücherregal über dem Fernseher. „Was macht der denn da?!“, ruft Hinz - zu Kunz, von dem er nur die Unterseite zu sehen bekommt, aufschauend - entsetzt, woraufhin Knut gelassen knurrt: „Schläft.“ „Aber warum denn so?!“, echauffiert Hinz sich weiter. „Warum denn bäuchlings über einer Holzleiste hängend?!“ Ich zucke mit den Schultern und gestehe: „Wo er ist, weiß ich, nicht jedoch, warum.“ Hilfesuchend blicke ich zu Knut, doch diesmal scheint selbst der zunächst ratlos. Nach Minuten des Schweigens äußert er sich allerdings doch. „Vielleicht hat Kunz ja einfach keinen Bock auf die Nachrichten vom Tag der angeblichen Deutschen Einheit. Oberhalb des Fernsehers sind ihm die Bücher, hinter denen er liegt, Sichtschutz und Schallmauer zugleich“, vermutet er seufzend. „Aber wenn ihm die Leiste nun zu sehr gegen den Magen drückt und er ko..., äh..., sich übergeben muss?“, stottert Hinz. „Dann ist das halt sein Kommentar zu den Nachrichten, die er sich zwar erspart, aber ahnt“, erläutert Knut. Hinz guckt leicht angewidert zu mir. „Mach dir keine Sorgen“, tröste ich ihn. „Dreck, der auf den Fernseher klatscht, lässt sich leicht wegwischen...“ „Ja“, fällt Knut mir reimend ins Wort, „im Gegensatz zu Dreck, der aus dem Fernseher watscht.“ Recht hat er. Hinz und ich stimmen ihm zu, Kunz schläft nach wie vor.

Sonntag, 28. August 2016

Sie sitzen im Käfig und fletschen die Zähne

„Hallo, ihr drei“, grüße ich, als ich nach Hause komme, meinen Rucksack neben das Fahrrad stelle und zu den Tieren in den Käfig schaue, wo ich Hinz die Zähne fletschen sehe. „Warum so aggressiv?“, frage ich. „Kämpferisch“, korrigiert er mich. „Okay“, rudere ich zurück, „warum so kämpferisch?“ „Weil die politische Lage es erfordert“, antwortet er. „Halleluja“, rufe ich aus, „was ist denn in Euch gefahren?!“ Knut kann sich ein Grinsen nicht verkneifen und doziert: „Nichts ist in uns gefahren, vielmehr uns etwas untergeschoben worden.“ „Hä?“, lautet meine verdutzte Reaktion. „Du hast die Etagenbretter in unserem Käfig mit >>Junge Welt<< ausgelegt“, erklärt Kunz. „Ach so. Ja.“ Bei mir fällt der Groschen. (Oder muss es heißen: die 10-Cent-Münze? Wie viele Cent entsprechen noch dem früheren Groschen? Aber das ist ein anderes Thema.) „Ihr habt also Zeitung gelesen.“ „Na klar“, schallt es aus drei Mäulchen bzw. Schnäuzchen gleichzeitig. Dann beginnt Hinz aufzuzählen: „Wir sind gegen die Verdrängung der Einkommensschwachen aus den Städten und gegen die Stigmatisierung Geflüchteter als Sündenböcke, grundsätzlich gegen jedwede Ausgrenzung ohnehin schon Benachteiligter, gegen Polizeiwillkür im Innern und gegen das weltweite Geschäft mit dem Krieg, wir sind gegen Nazis, gegen den Handel mit vergifteten Lebensmitteln und gegen Umweltzerstörung, gegen den Missbrauch von Steuergeldern und für bedingungsloses Grundeinkommen...“ Da er sich sehr in Rage zu reden beginnt, versuche ich, ihn zu stoppen, das jedoch gelingt mir nicht. Er bringt sein Statement noch zu Ende, und zwar mit den Worten: „Rot ist mehr als eine Farbe. Rot heißt Farbe-Bekennen und Farbe-Bekennen meint Zähne-Zeigen.“ „Wow!“, staune ich. „Die Redaktion von >>Junge Welt<< hätte ihre wahre Freude an dir.“ „Stellen die Ratten ein?“, erkundigt sich Knut. „Ich fürchte, nein“, sage ich. „Intolerante Bande!", knurrt er. „Das sollten die aber!“

Hinz zeigt Zähne

Freitag, 26. August 2016

Samstag, 30. Juli 2016

Bewerbung um einen Arbeitsplatz (herum)

„Mensch, geh doch mal ein Stück beiseite“, schimpfe ich mit Hinz, während ich seine Pfötchen von der Tastatur schiebe. „Ich bin kein Mensch“, schnieft er gekränkt. „Entschuldige, liebe Ratte“, bitte ich ihn. Er nimmt die Entschuldigung an und fragt: „Warum guckst denn du so verzweifelt?“ „Ich gucke verzweifelt?“, zweifele ich. „Ich fühle mich eher ratlos.“ „Du guckst irgendwie gerade verzweifelt und ratlos“, konstatiert Kunz, der sich zu uns gesellt. Ich raufe mir die Haare und erläutere: „Eine Freundin von mir geriet in Bedrängnis. Sie ist seit kurzem arbeitslos und wurde nun von ihrer Arbeitsvermittlerin dazu angehalten, sich als Arbeitsvermittlerin zu bewerben. Es werden welche gesucht.“ „Das will sie hoffentlich nicht tun?!“, rufen Hinz und Kunz entsetzt wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen. „Richtig“, seufze ich, „das will sie nicht tun.“ „Und wo ist das Problem?“, erkundigt sich Hinz. „Sie weiß nicht, wie sie sich geschickt herauswinden kann, denn über die fachliche Eignung verfügt sie“, sage ich. „Sie muss nur bei der Bewerbung alles falsch machen“, schlägt Hinz vor. „Die Fehler wird ihr niemand glauben“, gebe ich zu Bedenken, „denn sie ist Akademikerin und Literatin.“ „Hm“, brummt Kunz. „Dann rate ihr, sich richtig zu bewerben, aber eben ganz besonders richtig.“ „Du meinst?“, hake ich nach. „Na korrektes Anschreiben, Lebenslauf, Zusammenstellung von Zeugnissen bzw. Zertifikaten und als zusätzliches Schmankerl... die so genannte Dritte Seite, ein Motivationsschreiben“, führt er aus. Ich verdrehe die Augen und weise darauf hin, dass sie doch aber unmotiviert sei. „Nun ja“, präzisiert Kunz, „so darf sie das freilich nicht formulieren. Sie muss schreiben, dass sie selbstverständlich niemals jemandem vorschlägt, sich auf eine Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung einzulassen, wenn diese der Eingliederung in den Arbeitsmarkt nicht dienlich ist, dass sie niemals Schülerinnen und Schüler, auch wenn die älter als 15 Jahre sind, Eingliederungsvereinbarungen unterschreiben lässt, dass sie jederzeit Verständnis dafür aufbringt, wenn psychisch kranke Langzeitarbeitslose sich zu Terminen verspäten oder sie gänzlich versäumen, und nicht zuletzt ihr großes Vorbild in Inge Hannemann sieht, also grundsätzlich niemandem das Existenzminimum streitig macht.“ Hinz klatscht daraufhin begeistert in seine Vorderpfötchen und ich nicke hochachtungsvoll. „Genau das werde ich meiner Freundin empfehlen“, stimme ich Kunz zu und beginne mit dem Tippen der E-Mail.

Dienstag, 26. Juli 2016

Samstag, 16. Juli 2016

Der Schlaf des Erschöpften

„Na“, frage ich Kunz, der nach mehrtägigem Ausflug durch die Wohnung inklusive Parcour zwischen aufgereihten und gestapelten Büchern, Stangenklettern am Besenstiel, Springen über Tisch und Stuhl, Hangeln an der Wäscheleine sowie Schaukeln an der Gardine zurück im Käfig ist, „wie geht’s?“ Er antwortet nicht. Schläft.

Sonntag, 10. Juli 2016

Ratte im Computer

„Na“, frage ich Kunz, als ich ihn am Ende seines langen Spaziergangs durch meine Regale und über darin aufgereihte Bücher im uralten aufgeschraubten PC entdecke, „hast du noch nicht genug?“ „Nö. Nie“, antwortet er. „Was willst du in der alten Kiste?“, erkundige ich mich verwundert und weise ihn darauf hin, dass die Festplatte wahrscheinlich längst ausgebaut und das Gerät überdies weder an einem Bildschirm noch einem Router noch am Stromnetz angeschlossen ist. „Na, Gott sei Dank“, erwidert er, „was ich hier einstelle, ist nur für mich bestimmt und nicht für's Teilen in irgendwelchen sozialen Netzwerken.“ Ich schaue - neugierig geworden - genauer hin und entdecke einen beachtlichen Erdnuss-Vorrat zwischen Schaltkreisen und Drähten. Wow!

Gewohnheiten ändern

„Oh“, rufe ich belustigt aus, als ich Kunz an der Gardine hängen und hin und her schaukeln sehe, „hoffentlich guckt jetzt von draußen niemand auf unser Fenster!“ „Wieso?“, fragt Hinz, der im Schredderbehälter herumtollt. „Weil innen gerade eine weiße Ratte mit glühend roten Augen an ihm entlang schaukelt“, antworte ich. „Macht doch nichts“, konstatiert Knut, während er den Geräuschen nach zu urteilen unter meinem Bett Purzelbäume schlägt. „Na ja“, halte ich dagegen, „ist etwas ungewöhnlich.“ „Müssen die Menschen ihre Gewohnheiten halt ändern“, tönt es von der Gardinenstange.

Mittwoch, 6. Juli 2016

Ertappt! Auf frischer Tat!

Mit beiden (Vorder-) Beinen im Leben in Frauchens Müsli stehen

"Sage mal, schämst du dich überhaupt nicht?", frage ich Hinz vorwurfsvoll, als ich ihn in meinem Müsli stehen sehe. "Nö", antwortet er, springt, kaum dass er das Wort ausgesprochen hat, blitzschnell erst aus der Schüssel, dann vom Küchentisch und verschwindet geräuschvoll hinterm Schrank.

Sonntag, 3. Juli 2016

Auf Klettertour

Hinz zwischen Hängeregal und Wand

Ein Blitz hätte Licht ins Dunkel gebracht? Vielleicht. Doch liebt es Hinz, im Dunkeln zu schunkeln, und flüchtet, sobald Blitze funkeln. Er wäre abgehaun. Drum – besser als gar nicht – sieht man ihn kaum.
(Durch Anklicken gewinnt das Bild in Abhängigkeit davon, wie das Wiedergabegerät eingestellt ist, evtl. ein wenig an Helligkeit.)

Küchenabenteuer 2

Knut an frischer Minze

Küchenabenteuer 1

Da Knut, Hinz und Kunz sich außerhalb ihres Käfigs hinter Gebrauchs- und Einrichtungsgegenständen am wohlsten fühlen, beginne ich damit, mich für verd(r)eckte und zugestellte Orte zu interessieren. „Ach, du liebes bisschen!“, rufe ich entsetzt. „Wie sieht es denn hier aus?!“ „Wo denn?“, erkundigen sich Hinz und Kunz interessiert und wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen, wenngleich aus verschiedenen Zipfeln der Wohnung. „Na, hier“, antworte ich, während ich in der Küche am Boden kauernd die Herkunft eines Schabens und Kratzens erkunde und bei dieser Gelegenheit die Wohnung aus der Ratten-Perspektive kennenlerne, „hinter dem Herd.“ Knut kommt unter dem Kochgerät, nachdem er im eigens für die Ratten dort aufgestellten Wasserschälchen noch schnell ein Fußbad genommen hat, hervor und mir entgegen, als er konstatiert: „Er ist sehr gemütlich, der Platz.“





















Daraufhin vernehme ich, ohne Vernehmerin zu sein (!), lauter werdendes synchrones Trappeln von acht Rattenpfötchen. Sie dürften zu Hinz und Kunz gehören, die an Gemütlichkeit interessiert sind.

Dienstag, 21. Juni 2016

Das Naheliegende

Da ich am Morgen im Medikamentenfach auf Hinz' Spuren gestoßen und nun unsicher bin, ob er die fehlenden Tabletten gefressen oder lediglich zerkrümelt und umhergewirbelt hat, sorge ich mich um ihn. Er ist noch immer nicht zurück im Käfig, sondern drückt sich an den Wänden hinter Möbelstücken entlang oder in dunklen für Menschen schwer zugänglichen Ecken herum, wie Ratten das eben so machen. Meist ist er dabei zu hören, aber nicht immer. Sobald er ruhig wird, werde ich unruhig: Lebt er trotz Medikamentenvergiftung noch? Was, wenn sein Leichnam nun irgendwo liegt, wo ich überhaupt nicht herankomme, beispielsweise hinterm an der Wand befestigten Schrank im Flur! Ich suche also nach Hinz, leuchte mit der Taschenlampe alle nur irgend erdenklichen Rattenverstecke ab, finde ihn aber nicht, jedenfalls nicht sofort... Erst, als er mir hilft, indem er im Medikamentenfach anfängt, mit den Blechdosen zu scheppern, die meine Medikamente seit heute früh rattenzähnchensicher beherbergen. Er ist an den Tatort zurückgekehrt! Wie naheliegend! Darauf hätte ich eigentlich auch ohne seine Nachhilfe kommen können. Als ich jedoch die Schublade aufziehe, um Hinz herauszuholen, springt er mir blitzschnell über die Schulter und davon.
Zwar liegt das Naheliegende sehr nah, mensch kriegt es aber kaum zu fassen.

Es wird gefährlich

Hinz ist seit Donnerstagabend außerhalb des Käfigs in der Wohnung unterwegs. Kein Problem, wäre er nicht so kreativ, sportlich an Orte zu gelangen, die nicht für ihn bestimmt sind. Letzte Nacht war er ganz offensichtlich im Medikamentenfach. Keine Ahnung, wie er sich den Weg dorthin gebahnt hat. Die Schublade war zu. „Bist du durch das Loch in der Seitenwand in den Küchenschrank gelangt, hast die Box mit Müslizutaten als Tritt benutzt und auf diese Weise das obere Schrankfach erreicht, dich dann gereckt und gestreckt, bis du mit deinen Vorderpfötchen den Rand der Lade umklammern konntest, um dich daran hochzuziehen und durch einen ca. 1,5 cm schmalen Spalt zu zwängen?“ Hinz erteilt mir auf diese Frage keine Auskunft, sondern schweigt beharrlich vom Hängeboden im Bad herunter. Gewiss ist nur: Die Blister sind zernagt und etliche Tabletten mit Wirkstoff-Mengen, die auf mein Körpergewicht abgestimmt sind, fehlen. So er die alle gefressen hat, dürfte das für ihn tödlich enden. Im Moment ist er allerdings ziemlich lebendig. Als ich auf die Toilette steige, weil ich ihn vom Hängeboden herunterholen will, nachdem der Futterpfiff und das Anlocken mit Futter nichts bewirkt haben, springt er über meinen Kopf hinweg in Richtung Küche und verschwindet hinter dem Schrank mit dem Medikamentenfach. „Gute Idee“, lobe ich ihn. „Du willst mir den Weg zeigen, den du gegangen bist, damit ich ihn verstopfen kann.“ Leider bin ich im Irrtum. Hinz hockt hinterm Küchenschrank und wirkt irgendwie trotzig.

Sonntag, 19. Juni 2016

Wenn du nicht zur Ratte findest, findet sie zu dir?

Donnerstagabend kurz vor Tagesschau

Ich öffne die Käfigtür, damit die Ratten spazieren gehen können. Das tun sie. Allerdings nicht kurz. Sie verschwinden langanhaltend hinter Schränken und Regalen, von wo aus ich es gelegentlich rascheln, knuspern, knistern, poltern höre, zeigen sich nur hin und wieder und jedes Mal woanders.

Hinz hinterm Schrank
Kunz hinterm Regal














Knut hinterm Wörterbuch

Donnerstagabend kurz vor Mitternacht

Knut springt zurück in den Käfig. Von den beiden anderen fehlt jede Spur. Ich bin müde, lege mich ins Bett und rufe von dort aus Knut zu: „Gute Nacht!“ „Gute Nacht“, antwortet er. Alsbald breitet sich Stille in unserer Wohnung aus.

Freitagmorgen

Ich bin als erste wach. Knut schläft im Käfig, Hinz und Kunz, die beiden weißen, auf dem Käfig. Ich stupse Kunz an sein Näschen, er schreckt hoch, springt in meinen Arm, wovon auch Hinz erwacht und wohin auch immer hüpft. Jedenfalls setze ich nur Kunz zu Knut und schließe den Käfig, damit sie in ihm bleiben, während ich Hinz suche. Ich suche ihn tatsächlich, finde ihn jedoch nicht. Irgendwann muss ich zur Arbeit. Bevor ich aus der Wohnung gehe, stelle ich alles Essbare so, dass Hinz nicht hingelangen kann, denn, so denke ich, wenn er außerhalb des Käfigs nichts Essbares findet, wird er irgendwann zurückkehren.

Freitagabend

Als ich von der Arbeit komme, ist Hinz nirgends zu sehen, Knut und Kunz kratzen aufgeregt am Gitter. Früher oder später muss Hinz sich zeigen. Es scheint später zu werden. Ich lasse Knut und Kunz aus dem Käfig und erteile ihnen den Auftrag, Hinz zu suchen. Sie laufen von dannen, kommen aber nicht mit Hinz zurück, sondern bleiben ebenfalls verschwunden.

Nacht von Freitag zu Samstag

Ich wache mehrmals davon auf, dass irgendwo etwas raschelt, etwas knistert, etwas knuspert, etwas poltert, schlafe jedoch immer schnell wieder ein. Müdigkeit macht's möglich.

Samstagmorgen

Keine Ratte in Sicht. Ich verlasse grußlos die Wohnung. Wen sollte ich auch grüßen?

Samstagnachmittag

Als ich von der Arbeit komme, sitzt Knut mitten im Zimmer und sieht mich aus schwarzen Kulleraugen liebevoll an. „Hallo Knut“, sage ich freudig. Er winkt mir zu, ich nehme ihn hoch und auf den Arm, streichle ihn, setze ihn aber mit der Bitte, seine beiden Kumpel zu suchen, bald wieder auf den Boden. Er läuft los. Dem Gefiepe, das kurz darauf unterm Bett einsetzt, entnehme ich, dass er dort auf mindestens einen seiner Artgenossen gestoßen ist, dann kehrt Ruhe ein, aber keine Ratte zu mir oder in den Käfig zurück. Macht nichts, beschließe ich. Irgendwann werden die Tiere Hunger kriegen und den Käfig aufsuchen, denn schließlich ist er der einzige Ort, an dem Futter in Ratten-Reichweite steht, denke ich und widme mich dem Haushalt. Ich höre es mal hier und mal dort hinter Schränken und Regalen rascheln, knuspern, knistern, poltern und auch munkeln – Ratten lieben es halt im Dunkeln.

Samstagabend

Als ich Gemüsereste in den Ökomüll werfe, sehe ich die Bescherung: Der Käfig ist keineswegs der einzige Ort, an dem Futter in Ratten-Reichweite steht! Am Küchenabfall haben die Lieben sich gütlich getan und dabei Spuren hinterlassen! Und ich wundere mich, dass die ihren Futternapf nicht vermissen! Grrr! Die Kleckerfritzen selbst sind allerdings nirgends zu sehen. Leicht verdrossen fege ich die herumgeworfenen Schalen von diversem Obst und Gemüse zusammen, bringe allen Müll aus der Wohnung und bin sicher, nun werden sich Knut, Hinz und Kunz recht bald am Futternapf im Käfig versammeln.

Nacht von Samstag zu Sonntag

Nichts.

Sonntagmorgen

Nichts außer gelegentlichem verborgenen Rascheln.

Sonntagvormittag

Nichts außer gelegentlichem verborgenen Knuspern.

Sonntagmittag

Nichts außer gelegentlichem verborgenen Knistern.

Sonntagnachmittag

Nichts außer gelegentlichem verborgenen Poltern.

Sonntagabend

Knut springt in den Käfig und begibt sich schnurstracks an den Futternapf. Ich schöpfe hinsichtlich der beiden anderen neue Hoffnung.

Samstag, 21. Mai 2016

Sicherer Schutz vor Ein- (oder mehreren) brechern

Kunz mit seinen feuerroten Augen ist der liebenswerteste und zugleich preiswerteste Schutz vor Einbruchdiebstahl schlechthin, kostet nicht mehr als eine halbe Handvoll Futter täglich und gelegentlich frische Streu. Sollten dereinst während meiner häuslichen Abwesenheit böse, fremde Menschen unbefugt in unsere Wohnung eindringen, er funkelt sie aus dem Käfig heraus einmal kurz an und sie rennen weg. Wahrscheinlich schreien sie obendrein panisch, die Nachbarn eilen also herbei, halten das Geschehen fotografisch fest und alarmieren die Polizei. Alles bestens!

Dreimal Oh

Oh, die Käfigtür steht offen!



Oh, das riecht vielversprechend!



Oh, wie interessant!

Freitag, 20. Mai 2016

Aussprache mit Ansprache, Ausrede und Happy End zum Wechsel der Fellfarbe

„Sag mal, Hinz“, beginne ich eine leicht vorwurfsvolle Ansprache, als ich im Vorbeigehen einen Blick in den Käfig werfe, „wann hast du dich eigentlich das letzte Mal gewaschen?“ „Noch nie“, gesteht er ehrlich, wie er ist. „Das sieht man“, erwidere ich. „Um die Nase herum ist dein Fell schon ganz dunkel.“ „Es nimmt eine bräunliche Färbung an...“, beginnt er, sich zu rechtfertigen. „Wundervoll“, unterbreche ich ihn nicht ohne ironischen Unterton, „eine wundervolle Ausrede ist das!“ „Genau das ist es eben nicht!“, ergreift aufgebracht wiederum er das Wort. „Wenn du mich doch ausreden ließest...“ „Ja“, räume ich ein, spitze die Ohren und schweige, um ihn ausreden zu lassen. „Ratten waschen sich nicht“, setzt er sein Reden fort. „Ich putze mich wie wild, aber mein Näschen wird dunkler und dunkler. Auch Kunz wies mich kürzlich kritisch darauf hin.“ Kunz nickt bestätigend. „Hm“, grummele ich in mich hinein und füge kurz darauf für alle hörbar hinzu: „sieht sehr hübsch aus, dein Näschen.“

Samstag, 7. Mai 2016

Skeptische Betrachtung der Dropsgeberin

Wie ich Knut, Hinz und Kunz, die Brüder im Geiste, eng beieinander in der obersten Käfigecke liegen und kuscheln sehe, finde ich sie sehr hübsch. Plötzlich aber sagt Kunz zu Knut und Hinz: „Schaut mal, die da“, wobei er sein Köpfchen anhebt, mit dem Näschen in meine Richtung deutet und missbilligend seine Äuglein zusammenkneift, „wie die guckt!“ Hinz, den er mit diesen Worten am Einschlafen hindert, öffnet lediglich träge eines seiner Lider, Knut indes verscheucht allen Argwohn, indem er trocken ausführt: „Sie fotografiert uns und anschließend bekommen wir Dropse.“ Ich nicke zustimmend, fürchte allerdings, dass Kunz hinter jedem Drops eine Falle wittern könnte, jedoch erweist sich meine Befürchtung als unbegründet.

Samstag, 30. April 2016

Alphabetisierung abgeschlossen

„Na, ihr drei“, frage ich, als ich nach Hause komme, meinen Rucksack neben das Fahrrad stelle, ihren Käfig öffne und den für sie bestimmten Teil meiner Einkäufe auf dem Tisch über und zwischen all dem ausbreite, was dort bereits liegt, „wollt ihr wissen, was ich mitgebracht habe?“ Sie nicken, kommen neugierig herbei und beschnuppern Dropse, Getreideähren, Kräuterbällchen, ein Büchlein in Rattenkinder-Größe... Dann stutzen sie. „Was ist das?“, entfährt es Hinz und Kunz wie aus einem Mäulchen bzw. Schnäuzchen und noch bevor ich antworte, knurrt Knut: „Sieht man doch! Lektüre, Spielzeug, Futter.“ „Meine ich nicht“, fällt Kunz ihm ins Wort und deutet auf ausgeschüttete Buchstaben-Nudeln. „Was sollen wir damit anstellen?“, erkundigt er sich. „Fressen“, vermutet Hinz. „Nee“, korrigiere ich ihn, „erst einmal lesen lernen.“ Drei Rattenjungs schauen mich entgeistert an. Nach einer gefühlten Ewigkeit des Schweigens wispert Hinz: „Aber das können wir doch längst. Sollten wir das nicht mithilfe der Zeitungsseiten tun, die du uns täglich frisch als Teppich auf den Zwischenetagen ausrollst?“ „Äh“, stottere ich, „also wenn das so ist, dass ihr schon lesen könnt, dann dürft ihr die Buchstaben tatsächlich fressen, ein jeder von euch seinen aus Nudeln gelegten Namen.“ Und genau das tun sie.


Das Bild bei Bedarf durch Anklicken vergrößern, bitte.

Samstag, 23. April 2016

Knut, Hinz und Kunz

Hurra! Die Neuen sind da.

Knut

Kunz mit funkelnden Augen und Hinz mit Dumbo-Ohren

Die Namensgebung gestaltete sich gar nicht so einfach. Sie sollte wie immer ungewöhnlich sein; das war mir wichtig. Nachdem erst Rabatz, Ratz und Fatz bei mir gewohnt haben und dann bis vor kurzem Dachs, Max und Moritz, muss das nächste Trio ebenfalls einmalige Namen tragen. Hans und Franz fielen mir ein, aber kein dazu passender origineller weiterer Name. Der Vorschlag meiner allerliebsten einzigen Lieblingstochter, den dritten im Bunde Toleranz oder Kulanz zu nennen, unterlag meiner Intoleranz. Meine allerliebste einzige Lieblingstochter plädierte dann für Hellmut, Grellmut und Dunkelmut, aber ich lehnte auch diese Namensschöpfungen ab. Knut, Hinz und Kunz finden wir beide gut und den Ratten haben diese Namen bitteschön zu gefallen; Knut, Ohren-Hinz und Augen-Kunz werden einfach nicht gefragt.